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Länder-Koordinationsgruppen bei amnesty

Ein Blick hinter die Kulissen

Länderarbeit bei amnesty international: Wer sich darunter wagemutige Under-Cover-Recherchen in Gefängnissen menschenrechtsverletzender Staaten vorstellt, der dürfte enttäuscht werden. Die Arbeit der ehrenamtlichen Länderspezialisten bei amnesty international ist meist wenig spektakulär, macht aber einen wesentlichen Teil der Wirkung von ai aus. Das ai-Journal wirft einen Blick hinter die Kulissen.

Im Bonner Sekretariat von amnesty international klingelt das Telefon. "Können Sie mich bitte mit Ihrer Nahost-Abteilung verbinden? Wir möchten gerne ein Radio-Interview zu dem neuen Bericht über Menschenrechtsverletzungen an Frauen im Nahen Osten führen." Barbara Erbe, Pressesprecher in der Bonner Zentrale, kennt solche Anfragen gut. Die Bundesgeschäftsstelle mit etwa 40 Beschäftigten hat allerdings keine eigenen Regionalabteilungen. Sie ist einfach zu klein und mit zu vielen anderen Aufgaben befaßt, um jederzeit und detailliert über den aktuellen Stand der Menschenrechtslage in allen Ländern der Welt Bescheid zu wissen. Wie jede andere Nichtregierungsorganisation verfügt auch amnesty international über begrenze Ressourcen. In der Organisation amnesty international ist zudem die Zentrale eher eine Servicestelle für die etwa 15 000 ehrenamtlichen Mitglieder. So ist es selbstverständlich, daß auch die inhaltliche Arbeit zu den Ländern weitestgehend von engagierten Mitgliedern in sogenannten Länder-Koordinationsgruppen (Kogruppen) geleistet wird.

Die eigentlichen Ermittlungen jedoch werden vom Londoner Internationalen Sekretariat geleistet. Eigens geschulte Länderexperten recherchieren Menschenrechtsverletzungen in den Staaten, für die sie zuständig sind und verfassen die amnesty-Dokumentationen. In der deutschen Sektion gibt es daneben 64 ehrenamtlich arbeitende Kogruppen, die mit den zuständigen Abteilungen in London zusammenarbeiten und fast alle Länder der Welt abdecken. Hunderte ai-Mitglieder, die sich im Laufe der Jahre genaue Kenntnisse zu "ihrem" Land oder Ländern angeeignet haben, arbeiten in den Kogruppen zwischen Flensburg und dem Bodensee.

So verbindet der Pressesprecher die Radio-Redakteurin nicht mit der "Nahost-Abteilung", sondern vermittelt einen Kontakt zur Algerien-Kogruppe in Berlin. Dort hat ein Spezialist, der die Lage im Nahen Osten seit Jahren verfolgt, einige Tage zuvor den englischen Bericht aus London bekommen und erklärt sich zu dem gewünschten dreiminütigen Telefon-Interview bereit. Vor einem solchen Termin hält der Interviewte in der Regel telefonisch Rücksprache mit den zuständigen Ermittlern in London, um Unklarheiten zu beseitigen und aktuelle Entwicklungen zu erfragen.

Die ehrenamtlich arbeitenden Länder-Koordinationsgruppen der deutschen Sektion erfüllen wichtige Aufgaben im Bereich der Informationsauswertung und der Öffentlichkeitsarbeit, bei der Unterstützung lokaler ai-Gruppen, bei der Vorbereitung und Veranstaltung von Kampagnen oder bei der Lobbyarbeit gegenüber Regierung und Parlament. Als Fachleute für bestimmte Länder spielen die Kogruppen innerhalb der Gesamtstruktur von ai eine bedeutende Mittlerrolle zwischen dem Internationalen Sekretariat in London und den amnesty-Gruppen. In der Öffentlichkeit ist ihre Tätigkeit jedoch weitgehend unbekannt. Auch ai-Mitglieder kennen ihre Arbeit oft nicht im Detail.

Denn das Tagesgeschäft der Kogruppen ist meist wenig spektakulär: Es besteht im Sammeln und Aufarbeiten von Hintergrundinformationen zum jeweiligen Land, im Übersetzen von ai-Papieren aus London oder in Kontakten zu für ihr Land wichtigen Personen und Institutionen. Doch gerade diese Arbeit im Hintergrund macht einen wesentlichen Teil der Wirkung von ai aus.

So trifft sich beispielsweise die China-Kogruppe in Berlin einmal pro Woche. Die sieben Mitglieder der Gruppe - im Privatberuf Studentin, Programmierer, Wissenschaftler oder Ärztin - haben sich die Arbeit aufgeteilt: Ein oder zwei Mitglieder treten gelegentlich in der Öffentlichkeit auf, während die Mehrheit der Gruppe hinter den Kulissen arbeitet. Zu den Auftritten in der Öffentlichkeit zählen Radio-Interviews, die anläßlich von Besuchen chinesischer Politiker oder der Veröffentlichung von ai-Berichten zu China gegeben werden, oder auch mal ein Vortrag vor einem Bundestagsausschuß. So sprach zum Beispiel Dirk Pleiter, langjähriges Mitglied der Kogruppe, anläßlich einer Tibet-Anhörung vor dem Deutschen Bundestag. Andere Mitglieder wollen sich solch aufregenden Ereignissen jedoch (noch) nicht stellen: Sie führen stattdessen das umfangreiche Archiv der Gruppe, das inzwischen Dutzende Ordner umfaßt. Auf dieses Archiv greift die Gruppe zum Beispiel beim Schreiben von Gutachten für Verwaltungsgerichte in Asylangelegenheiten zurück. Die Zusammenarbeit mit den lokalen ai-Gruppen, die ein "Action file" zu China bearbeiten - etwa einen politischen Gefangenen, den sie über einen längeren Zeitraum hinweg betreuen oder ein anderes Menschenrechtsanliegen - ist eine der Hauptaufgaben der Kogruppen. Als "Experten" stehen sie den zu ihren Ländern arbeitenden ai-Gruppen beratend und unterstützend zur Seite - zum Beispiel durch einen Rundbrief, den fast alle Kogruppen zusammenstellen.

Die China-Kogruppe versorgt nicht nur die 35 amnesty-Gruppen, die in Deutschland zu chinesischen Fällen arbeiten, mit Materialien. Auch 200 andere Personen, von Journalisten über ai-Förderer bis zu Universitätsprofessoren, werden mit Informationen zu bestimmten Aspekten der China-Arbeit versorgt. Gelegentlich werden darüber hinaus auch Seminare zur Menschenrechtslage in China organisiert.

Hervorgegangen ist die Gruppe Ende der siebziger Jahre aus der ehemaligen Rhodesien-Gruppe, die sich nach der Unabhängigkeit Simbabwes nicht mehr ausgelastet fühlte. Einige Mitglieder sind seit dieser Zeit dabei. Zugleich werden regelmäßig neue Mitglieder eingearbeitet. Um sich mit der Lage in China vertraut zu machen, übernehmen die Neueinsteiger, die zum Teil schon lange bei amnesty sind, auf den wöchentlichen Treffen die "aktuelle Minute". Dabei fassen sie für die anderen Mitglieder anhand von Zeitungsartikeln die wichtigsten Ereignisse in China zusammen und werden dadurch aktiv in die Arbeit der Gruppe einbezogen.

Noch etwas älter als die China-Kogruppe ist die bereits Anfang der siebziger Jahre gegründete Gruppe zu Malawi. Sie entstand aus einer Pinneberger ai-Gruppe, die damals einen Gefangenen aus Malawi betreute - einem Land, das die Gruppenmitglieder erst einmal gemeinsam auf der Karte im Süden Afrikas suchen mußten. Die engagierten Mitglieder trafen sich einmal mit dem für Malawi zuständigen Ermittler aus dem Internationalen Sekretariat. Dieser schlug ihnen vor, eine Kogruppe zu gründen. So wurde die weltweit erste Malawi-Kogruppe aus der Taufe gehoben. Unter den vielen Menschen, die in den folgenden Jahren für die Menschenrechtsarbeit zu Malawi motiviert werden konnten, gehörten auch der deutsche Botschafter in Malawi und Lokalpolitiker aus Hannover, der Partnerstadt der malawischen Industriestadt Blantyre. Die Hartnäckigkeit von amnesty zahlte sich aus: Seit dem Sturz des mit diktatorischen Mitteln regierenden Präsidenten Kamuzu Banda scheint die lange Leidensgeschichte der Malawier endlich ein Ende gefunden zu haben. Die Arbeit von ai ist damit jedoch nicht beendet. Allerdings ändert sich die Form der Arbeit: Die Kogruppe unterstützt jetzt Menschenrechtsaktivisten dabei, Programme zu entwickeln, die die Malawier mit den Menschenrechten besser vertraut machen sollen.

Die Arbeitsschwerpunkte von Kogruppen müssen sich der Lage in dem jeweiligen Land anpassen. Es gibt Länder, in denen ai das gesamte Spektrum des Mandates abdecken muß: von Folter über Willkürhaft bis hin zu Todesstrafe, "Verschwindenlassen" und politischem Mord. Die Arbeit zu anderen Staaten erfordert dagegen auch eine inhaltliche Spezialisierung. So dominiert das Thema der inhaftierten Kriegsdienstverweigerer die Arbeit zu Griechenland und die Todesstrafe prägt die Arbeit der USA-Kogruppe - ein Kampf, der manchmal hoffnungslos anmutet: In immer mehr US-Bundesstaaten wird die Todesstrafe eingeführt, und die Zahl der Hinrichtungen steigt. Die USA-Kogruppen verschiedener ai-Sektionen haben sich ihre Arbeit aufgeteilt. Die deutsche USA-Kogruppe konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Gefangenen in Texas und Missouri. Wie auch die Mitglieder der Malawi-Kogruppe sind jene der USA-Kogruppe über drei Städte verteilt - ein Umstand, der erfolgreicher Kogruppenarbeit offenbar nicht entgegenstehen muß.

Die Arbeit der Kogruppen unterscheidet sich auch je nachdem, ob ihr Land offen zugänglich oder "geschlossen" ist. Die Mitglieder der Guatemala- oder der Brasilien-Kogruppe reisen beispielsweise oft in "ihr" Land und haben dort - in Absprache mit der Londoner ai-Zentrale - enge Kontakte geknüpft. Andere Länder, wie beispielsweise Saudi-Arabien, sind für ai nicht zugänglich, und die zu diesen Ländern arbeitenden Kogruppenmitglieder sind nie dort gewesen.

Auch wenn Kogruppenarbeit zu weiten Teilen hervorragend funktioniert, gibt es Defizite, die bei ehrenamtlicher Arbeit kaum zu vermeiden sind. Kogruppenmitglieder sind nicht 24 Stunden mit den Menschenrechten beschäftigt, sondern haben "nebenbei" noch ihre Arbeit oder ein Studium zu bewältigen. Manche arbeiten schon seit über zehn Jahren zu einem Land und haben ein bemerkenswertes Fachwissen angesammelt, müssen aber plötzlich wegen beruflicher Belastungen oder aus privaten Gründen kürzer treten.

Mancher zieht sich auch völlig aus der Kogruppenarbeit zurück. Es kommt vor, daß sich Kogruppen ganz auflösen, so daß ein Land für einige Zeit "verwaist". Dann müssen die anderen Ebenen der Länderarbeit bei amnesty international einspringen: Doch auch bei der ehrenamtlichen Vorstandsreferentin für Länderarbeit, beim fünfköpfigen Länderreferat in der Bonner Zentrale (zwei von ihnen arbeiten ausschließlich für die Eilaktionen) und dem sogenannten Länderteam sind die Kapazitäten begrenzt. Das "Länderteam" setzt sich aus fünf ehrenamtlichen Beauftragten zusammen, die jeweils für einen Kontinenten verantwortlich sind. Sie sind eine Art Bindeglied zwischen Bonner Sekretariat, Vorstand, Kogruppen und internationaler Ebene. Außerdem sind sie Ansprechpartner für Themen, die länderübergreifend in ihren Kontinenten anfallen. Kommt aus irgendwelchen Gründen die Kogruppenarbeit zu einem bestimmten Land zum Erliegen, versucht der zuständige Regionalbeauftragte meist diese Lücke zu schließen, bis eine neue Gruppe gefunden ist.

Damit es nicht so weit kommt, sollte eine Kogruppe aus mehreren aktiven Mitgliedern bestehen, um eine kontinuierliche Arbeit zu sichern, auch wenn einzelne aussteigen oder ihre Arbeit einschränken. Nur vereinzelt gibt es deshalb in der deutschen ai-Sektion sogenannte Einzelkoordinatoren, die allein für die Arbeit zu einem - dann meist kleinen -Land zuständig sind. Neue Kogruppenmitglieder können entweder aus ai-Gruppen kommen oder "Länderexperten" sein, die (noch) nicht Mitglied bei ai sind. Im Grunde steht die Arbeit in einer Kogruppe jedem offen, der ein Land gut kennt und mit seinem Wissen die Menschenrechtsarbeit von ai unterstützen möchte.

Manuel Schiffler - Margit Jost - Angela Dencker


Vielfältig wie die ai-Länderarbeit ist auch die Autorenschar dieses Artikels: Manuel Schiffler ist Nahostbeauftragter der deutschen ai-Sektion, Margit Jost Vorstandsreferentin für Länderarbeit und Angela Dencker Referentin für Länderarbeit im Bonner ai-Büro.

Wer sich für die Mitarbeit in Kogruppen bei amnesty international interessiert, wende sich an: amnesty international, Länderreferat, 53108 Bonn, Tel.: (0228) 983 730, Formular Mitarbeit.